Gimme Shelter: Was diesen Klassiker zeitlos macht

Was macht einen Hit zum Klassiker? Das diskutiert dieser Beitrag von Jam Schwätzen. Heute in der Dauer-Rotation: Gimme Shelter.

Warum kann ich Gimme Shelter heute immer noch so gut und oft hören? Immerhin kenne ich es nach rund einem Vierteljahrhundert, als ich es zum ersten Mal gehört habe, in- und auswendig. Vielleicht geht es euch mit anderen Songs ähnlich. Vom ersten Mal hören werden diese Lieblingslieder irgendwie nicht nur zum Soundtrack einer ganz bestimmten Zeit. Sie verwachsen irgendwann komplett mit unserer eigenen Persönlichkeit, unserem eigenen Leben. Wie schaffen diese Songs das?!

Gimme Shelter: Der untypischste Hit der Rolling Stones

Gimme Shelter, der Eröffnungstrack des Albums „Let it Bleed“ aus dem Jahr 1969, ist kein Hit – aber ein Klassiker. Auch ohne Single-Auskopplung hat es dieser Song der Rolling Stones zum absoluten Kult-Song geschafft. Kein anderes Stück der britischen Rock-Giganten ist so erfolgreich aus der Reihe geschlagen. Kein anderer Song steht so prominent für die (Post-) Hippie Ära und die politischen Proteste 1968 und 1969.


Jam Schwätzen Folge 4 - Retro-Trend - Banner
Um Retro-Sounds und Vintage-Techniken geht es in der 4. Radio-Folge von Jam Schwätzen.

Die bleibende kulturelle Resonanz von Gimme Shelter wird begünstigt durch den musikalischen Retro-Trend der 60er, 70er und 80er Jahre. Hört jetzt in die 4. Folge der Radioshow Jam Schwätzen rein. Erfahrt mehr darüber, warum diese Musikjahrzehnte heute wieder so angesagt sind.


Stichwort Klassiker: Das Rolling Stone Magazine hat Gimme Shelter auf Platz 38 der 500 besten Songs aller Zeiten gewählt. Mehr Dramatik als „Angie“, mehr Coolness als „High Wire“, mehr Drive als „You got me Rocking“: dieser Song hat eine Präsenz, die sich nicht leugnen lässt. Damals, im Umbruch der End-Sechziger, wie heute. Fragt Martin Scorsese.

Let it Bleed – Das 69er Kult-Album der Stones, mit meinem persönlichen Kult-Hit: Gimme Shelter.

Gimme Shelter und seine Soundtrack-DNA

Der berühmte Regisseur hat für etliche seiner Filme die besondere Atmosphäre genutzt, die Gimme Shelter im Intro aufbaut. Alleine das, was in den ersten 10 Sekunden des Songs passiert, das Gitarrenriff, bleibt für mich schlichtweg magisch. Das Voicing, die Phrasierung, das Micro-Timing – unfassbar.

Wie die Terzen und Quarten der Melodie, die die Spannung zwischen Dur und Moll im Cis-Akkord ausmachen, zum Wechsel der Quinte und großen Sechste der jeweiligen Akkorde Cis, H und A auf der D- und A-Saite rhythmisch entgegenlaufen, also synkopisch variieren, ist der absolute Wahnsinn. Durch diese Reibung entsteht die Spannung, die Gimme Shelter meiner Meinung nach ausmacht.

Und zwar im Kleinen, bei den Minivariationen des Gitarrenriffs, wie im Großen, was im Songlexikon des Zentrums für Populäre Kunst und Musik der Uni Freiburg als der „Bordun-Effekt“ beschrieben wird: Das Verharren auf dem Grundton Cis von Bass und Piano und der Kadenz der drei Akkorde, den Variationen von Gitarre und Backgroundgesang.

Warum Gimme Shelter unperfekt klingen muss

Klanglich prägt Gimme Shelter die Assoziation eines Sturms, die in der unheilschwangeren Atmosphäre des Intros getriggert und in der ersten Strophe textlich verankert ist: „Oh a storm is threatening my very life today“.

Der Sound, dem wir als verwöhnte Hörer der Pop-Moderne des 21. Jahrhunderts seine Unaufgeräumtheit sofort anhören, wirkt wie eine wabernde Wolke. Immer wieder schnellen einzelne Instrumente – die Gitarre und die Keys mit Licks – in den Vordergrund. Gimme Shelter lebt total von diesen dynamischen Turbulenzen. Manche Akzentuierungen der Gitarre übersteuern und überlagern gefühlt fast den gesamten Rest des Ensembles.

Es gibt wohl keine andere derart berühmte Band in der Geschichte des Rock’n’Rolls, die dermaßen erfolgreich und markant diese Art der Unperfektheit eingesetzt und zu ihrer ganz eigenen Marke gemacht haben. Sowohl was den Groove als auch den Sound angeht, sind die Rolling Stones rumpelig und ungehobelt – die Stones eben.

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellt euch Gimme Shelter, dieses Soundgewitter, im wahrsten Sinne des Wortes, im klanglichen Gewand einer perfekt ausproduzierten High-End-Version von Santiano, der deutschen Seemannsrocker vor. Genau. Lieber nicht.

Die Studio-Aufnahme bleibt unerreicht – auch von den Rolling Stones selbst

Wir haben es mit Gimme Shelter von den Rolling Stones nicht nur mit dem wohl unkonventionellsten Klassiker dieser Band zu tun. Sondern auch mit einer ikonischen Studioaufnahme, die so in dieser Form schlicht und einfach ein Jahrhundert-Recording ist. Dieses klanglich wabernde Ungetüm von Song ist einmalig und – das hört man, finde ich, in Live- und Cover-Versionen EXTREM, schlicht nicht reproduzierbar.

Ich kenne KEINE Live-Aufnahme von Gimme Shelter, die der Studio-Version gerecht wird. Selbst bei Versionen wie dieser Live-Aufnahme, die das Studio-Intro originalgetreu imitiert, ist für mich spätestens nach dem Einsatz der Drums der Song vorbei. Charlie Watts Schlagzeugkünste in allen Ehren. Aber das ist kein Vergleich.

Was macht Gimme Shelter für mich zu einem Dauerbrenner?

Machen wir uns nichts vor – beziehungsweise mache ich euch nichts vor: Ich bin Gitarrist. Ich bin Blues Fan. Und ich finde die Rolling Stones schon ziemlich gut. Gimme Shelter ist für mich das ultimative Zeugnis der besonderen kreativen Energie, die diese Band gemeinsam auf Band gebannt haben.

Merry Claytons brutal gutes Duett und Solo im Song ist das beste Beispiel. Welcher noch so Rock-ferne Musikhörer, der noch nie etwas von den Stones gehört hat, reagiert nicht auf Ihr Gesangssolo, und sei es nur mit einem „nicht meine Musikrichtung, aber die kann ganz gut singen“?

Für mich macht es diese Mischung aus Virtuosität und kreativer Magie, aus der programmatischen Umsetzung des Songthemas und der gelungenen Instrumentierung. Ich meine, wie viel weniger gut wäre der Song geworden, wenn Charlie Watts im Refrain nicht auf der Hi-Hat geblieben wäre, sondern das Ride Becken gespielt hätte, ähnlich wie bei Riders on the Storm von The Doors? Diese Mischung aus Dringlichkeit und Laid-Back-Ness, aus treibendem Groove und komplexer Misch-Harmonik macht Gimme Shelter in meinen Ohren so stark.

Fazit: Warum Gimme Shelter ein Klassiker bleibt

Viele Kritiker hören in Gimme Shelter so eine Art Hymne oder Requiem auf die Hippie Ära im Kontext der politischen Unruhen und außenpolitischen Verwerfungen rund um den Vietnam Krieg. Die Auseinandersetzung mit Themen, Herausforderungen und Stimmen der jüngeren Vergangenheit ist zu einer stilgebenden Komponente unseres heutigen kulturellen Moments geworden ist.

Zusätzlich zu seiner starken Wirkung als Soundtrack einer sozial und politisch turbulenten Zeit, deren Konflikte stark an die heutigen erinnert, bietet Gimme Shelter eine Menge von dem an, was in der modernen Pop-Musik (immer noch) zählt. Seine minimalistische Struktur, die kompakte Verquickung von Strophe und Chorus, entspricht heutigen Hörerwartungen. Die komplexe Harmonik, treibende Rhythmik und eingängige Melodik sowie seine Soundtrack-DNA machen Gimme Shelter zu einem Song, der nicht nur bewegt, sondern auch echt was zu sagen hat – auch heute noch.

Mehr Lesenswertes zu Gimme Shelter von The Rolling Stones findet ihr in der Biografie von Keith Richards (Life).

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

5 Kommentare zu „Gimme Shelter: Was diesen Klassiker zeitlos macht

  1. 39 seconds (meine in Verse gefassten Empfindungen zu Gimme Shelter wie es 1978 auf mich gewirkt hat; für mich sind die ersten 39 Sekunden prägend für ein Gefühl wie in den Versen – war damals 19 heute 63…
    .Ihre Ausführungen zu dem Stones-Song kommen dem Phänomen der Einmaligkeit des Stones-Titels auch fachlich sehr nahe
    – hoffe, sie können damit was anfangen

    39 seconds

    in Jahren voller Erwartung
    traf mich dieser wogende klang
    in sommerlicher dämmerung
    von fern her flutet er an
    bringt vorbestimmtes zum schwingen
    ein sog – ein strudel – ein drang
    doch friedvoll ists nicht dieses strömen
    titanischer bildergesang
    der machtvoller stellt sich nun ein
    stößt pforten auf und sphären
    unnennbarer welten sein
    und wieder schwingt es herüber
    Als sei`s einer Göttin rufendes Lied
    Frühes Traumbild zeigt sich dort wieder
    An fernen Strand es hin zieht

    Doch brechen dort Sturmwind und Brandung
    Das schroffe Felsengestein
    Verwehn den Rauch von Opferflammen
    Zerstreun gestrandet Gebein

    Grüße aus Nordhessen

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    1. Hey! Vielen Dank für deinen Kommentar und dein Gedicht. Powerful stuff! Wo und wie hast du den Song denn zum 1. Mal gehört, weißt du das noch? Und hat sich nach 44 Jahren was an deiner Wahrnehmung geändert? VG Johannes

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      1. Hallo, vieln dank für dir rückantwort,
        GIMME SHELTER, die ersten 39 sekunden hätten anstelle des walkürenritts den hubschrauberangriff in apocalypse now “ untermalen “ können und sind geeignet eine hybris auszulösen , die zu “ aussprüchen “ verführt wie : ich liebe den geruch von napalm am morgen…….das ist ein geruch von sieg… oder so …
        die musik stammte ja aus der Zeit des vietnamkrieges , der Kinofilm etwa 10 jahre später

        sie haben völlig recht, hier hört man etwas, hier tönt etwas, was nicht von den rolling stones direkt kreiert wurde, sondern da ist eine energie, die von ihnen auf das medium der rockmusik gebannt wurde….

        ich habe es 1978 alleine während einer Autofahrt an einem freitag- oder samstag sommerabend – erstmals bewusst gehört und spürte eine magische anziehungskraft, ein So-gestimmt-sein.wollen, ein -damit verschmelzen- wollen – ….typisch für meinen Jahrgang 59 der unter dem Einfluss des Planeten Neptun im skorpion steht..Gleichzeitig war da etwa warnendes, aber nur wage

        heute verspüre ich weiter die ursprüngliche faszination, jedoch mit starken dunklen Assoziation
        wie oft wird gimme shelter für viele der noch fehlende kick zu grenzüberschreitung in vielerlei hinsicht gewesen sein ?!!

        Trotzdem ganz große kunst

        grüße aus nordhessen

        KH

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      2. Hallo, ich hab mir ab mitte der neunziger jahre dann auch überwiegend Filmmusik reingezogen . Vielleicht ist das die ursache dafür, dass ich songs wie gimme shelter zu stark vor dem hintergrund realen oder fiktiven weltgeschens betrachte .und die einwirkung der musik auf kollektives oder individuelles schicksal zu stark werte, was dann in kommentaren wie vom 22.03 deutlich wird. Deine Meinung hierzu würde mich sehr interessieren.
        Übrigens , bei Gleichaltrigen, also 55-65 plus, da kennen den titel noch die wenigsten.

        Grüße aus Nordhessen
        KH

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      3. Hallo Johannes ,

        im nochmaligen Nachgang zu meinen Kommentaren zu Gimme Shelter ein Bild aus der Realität aus den 70iger/80iger Jahren aus Frankfurt, welches die Athmosphäre von gimme shelter auf andere Weise abbildet als in der vorerwähnten Kinowelt. Da ist ein Freitag- oder Samstag-Abend, schwüles Wetter, eine Duftmischung aus Benzin, Urin und aufdringlichem Herren After-shave – bis hin zu Patchouli Duft im städtischen Abendwind. Anspannung und Erwartung in einer ungeheuren Dichte liegen in der Luft. Ein meisterliches Foto aus dem Buch Nachtasyl von Benno Kroll.

        Viele Grüße aus Nordhessen

        KH.Eberlein

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