Grandbrothers: Klavierkunst macht großes Kopfkino

Als langjähriger Musikfan und Gitarrist höre ich manche Genres, Bands und Songs seit Jahrzehnten. Zeit für einen „Saitensprung“. In diesem Beitrag wage ich mich aus meiner musikalischen Komfortzone heraus. Es läuft: Grandbrothers.

Wie weit kann man klanglich und kompositorisch kommen – mit nur einem Instrument? Auf diese Frage findet das Klavier-Duo Grandbrothers immer wieder neue spektakuläre Antworten. Ihr mittlerweile drittes Album „All the Unknown“ (VÖ November 2020) verbindet virtuose Klavierkunst mit elektronisch gesteuerten und direkt am Flügel erzeugten perkussiven Beats und Sounds. Mit anderen Worten: Das Klavier-Duo macht mit allem Musik, was ein Konzertflügel an Sounds so hergibt. Für mich ein absoluter Geheimtipp, der längst nicht mehr geheim ist!

Grandbrothers: Zwei Studienkollegen setzen neue Maßstäbe am Klavier

Grandbrothers, das sind zwei musikalische Brüder im Geiste, die an und mit einem Grand Piano Musik machen. Hinter der Elektro-Piano-Formation stecken zwei ehemalige Studenten aus Düsseldorf, die nicht nur ihr musikalisches Handwerk verstehen, sondern die technischen Möglichkeiten moderner Musikelektronik mit und am Klavier einsetzen, um völlig neue Sounds zu kreieren.

Das schaffen sie mittels einer komplexen Musikapparatur, die mit dem Flügel verbunden ist und dort direkt am Gehäuse und den Klaviersaiten Sounds triggert und Beats erzeugt. Während Lukas Vogel in der Rolle eines Producers bzw. DJs so das Piano per Midi-Controller „spielt,“ bedient Erol Sarp die Klaviatur und schraubt an der Soundmaschinerie im Klavierkorpus. Je nach Positionierung der elektromechanischen Hämmer auf dem Flügel entsteht ein feines Klackern bis hin zu einem dumpfen Pochen. Der gesamte Resonanzraum des Klaviers dient damit als Quelle für Beats, Sounds und Melodien, die eine ganz eigene Klangwelt erschaffen.

Elektronische Klavierkunst mit cineastischen Soundscapes

Wie erfolgreich die Grandbrothers ihre ganz eigene Nische an der Schnittstelle zwischen Klassik und Electronica   seit Veröffentlichung ihrer ersten Single Ezra Was Right“ (2013) besetzt haben, verdeutlichen unzählige weltweite Auftritte und vielbeachtete Folge-Veröffentlichungen (allen voran Bloodflow vom 2. Album „Open“). Ihr ganz charakteristischer Klang fand nicht zuletzt in den Filmen Alles außer gewöhnlich (2019) und Wanda, mein Wunder (2020) einen besonderen Ausdruck, für die sie den Soundtrack produzierten.

Genau diese cineastischen Soundscapes machen die Musik der Grandbrothers für mich so beeindruckend und bewegend. Mein Erstkontakt mit ihren klaviergeformten Klanglandschaften geht zurück zu ihrem ersten Album „Dilation“ (2015). Ihr Opening Track Wuppertal fasziniert mich heute noch extrem. Vor allem in der Rückschau beeindruckend: Wie viel von ihrem ganz eigenen Ansatz in diesem Stück durchklingt – im Sinne der Verbindung von Technologie und Instrument, Elektronik und Mechanik, komplexen Arrangement und emotionaler Tiefe.

Allen voran „Ezra Was Right“, 7 Minuten und 51 pure Konzept-Musik, höre ich als Programmmusik zum musikalischen Wesen des Klaviers. Man muss hier als musikaffine/-r aber vielleicht nicht musikalisch geschulte/-r Hörer/-in sicherlich ein bisschen Ausdauer und Offenheit mitbringen, um sich besonders in dieses Stück hineinzuhören. Genau das aber ist für mich das Besondere an den Grandbrothers: Wie gerne man sich auf diese Virtuosität einlässt.

Virtuosität am Klavier, die Spaß macht und berührt

Ich meine, halten wir uns kurz vor Augen, dass die Musik und die Pop-Musik im Besonderen traditionell vor allem daran gemessen wird, wie und womit sie Neues erschafft. Hand aufs Herz: Wie oft begegnen uns heutzutage Songs, die wir nicht sofort irgendwie verstehen und einordnen können, die wir hören und nicht sofort wissen, was wir da eigentlich genau hören, und gleichzeitig merken – wow, hier ist irgendwas anders, aber auf eine ziemlich coole Art und Weise? Oder andersrum formuliert: Wie besonders, weil besonders schwer und magisch es ist, Musik zu erschaffen, die eben genau das schafft: Uns zu überraschen, abzuholen und zu begeistern. Das schaffen die Grandbrothers, und zwar mit anspruchsvoller Musik, die – und das finde ich persönlich das Tolle daran – emotional extrem intensiv ist.

Der charakteristische Klang: melancholische Harmonik und synkopische Rhythmik

Das rührt meines Hörens nach vor allem von der charakteristischen Kombination aus melancholischer Harmonik und der synkopischen Rhythmik her. Die komplexen Beats, die Polyrythmik der flirrenden und klirrenden perkussiven Elemente, die synkopisch variierenden rhythmischen und harmonischen Elemente, die wabernden Soundwolken – all das entwickelt sich um Akkordstrukturen herum, die eingängig sind und greifbar bleiben.

Bestes Beispiel für diesen harmonischen Kern ihrer Stücke ist für mich nach wie vor „Wuppertal“. Wenn man sagen kann, dass die Grandbrothers einen Signature-Sound besitzen, dann kommt der hier in meinen Ohren besonders deutlich zum Vorschein. Für mich machen das vor allem die tonalen und rhythmischen Reibungen zwischen linker und rechter Hand, die mit Sexten und Nonen eingefärbten Akkorde. Meine Lieblingsvariationen dieser Akkordcharakteristik, die für mich am meisten nach Grandbrothers klingen, höre ich hier:

Mein Fazit

Mich begeistert der Minimalismus, den die Grandbrothers mit maximaler emotionaler Wirkmacht in ihrer Musik einsetzen. Ein einziges Klavier schafft diese klangliche Weite, erzeugt so viel emotionalen Raum für Assoziationen und Bilder. Für mich schlichtweg magisch. Die Bandbreite ihrer harmonischen Möglichkeiten haben sie meiner Meinung nach bislang am beeindruckendsten in ihrem Debütalbum ausgeschöpft. Man hört dieser Sammlung die Experimentierfreude an, und zwar auf eine sehr verspielte und offene Art.

Verglichen mit ihrer aktuellen Single „All the Unknown“ haben ihre ersten Veröffentlichungen für mich nichts von ihrer bahnbrechenden Wirkung verloren. Klar – man hört ihren neuen Stücken deutlich das Level an, auf dem ihre Musik in Sachen Produktion mittlerweile rangiert. „All the Unknown“ ist klanglich einfach sowas von dermaßen überwältigend, dass ich persönlich gar nicht dieses (genauso überwältigende) Video dazu bräuchte. Episch ist für mich gerade die Eindrücklichkeit, mit der die Musik der Grandbrothers bei mir ein musikalisches Kopfkino erzeugt. Also die Tatsache, dass das funktioniert, und die Intensität, mit der das funktioniert. Aber überzeugt euch selbst:

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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