Gitarrensolo in Gut: weniger Show-off, mehr Message

Blog'n'Roll - Faustregel fürs Gitarrensolo - Weniger Noten, mehr Message

Hauptsache schnell und kompliziert – so sollten Solos auf der Gitarre doch sein, oder?! Wer so Solo spielt, macht Sport, aber keine Musik. Meine Erfahrung: Je weniger ihr euer Solo mit musikalischem Material überfrachtet, desto mehr Raum und Luft lasst ihr für das, was ihr mit eurem Solo eigentlich sagen wollt. Dieser Beitrag geht an alle Shredder da draußen: Mut zur Lücke!

So. Kurz durch die Nase einatmen. Zeit für ein bisschen Entschleunigung – im musikalischen Sinne. Ich bin eben länger als üblich in Instagram versunken und habe mich durch all die Gitarrenvideos geklickt, die in meinem Feed erschienen. So lange, bis ich nicht mehr konnte. Danach war mir klar: Ich brauche eine Pause – von dieser Überbietungs-Kakophonie. Mein Fazit: Instagram verkommt zur sozialen Sammelstelle für Sport-Shredder. Was ist da los?

Sport-Shredder dieser Welt, vereint euch

Versteht mich nicht falsch. Ich finde den Enthusiasmus, mit dem sich Menschen auf der ganzen Welt dort präsentieren, echt inspirierend. Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit in den 90er, in denen ich als Gitarrist mit Faible für Classic Rock völlig abseits des Trends unserer Altersgruppe unterwegs war. Heute ist die Nische – Gitarrenmusik – ein riesiger Mainstream in einem Überangebot an Mainstreams. Und für alles gibt es die perfekte(n) Plattform(en). Während Youtube mit Fach-Know-how und teilweise extrem entertainigen Inhalten rund um die Gitarre punktet, fördert Instagram irgendwie fast ausschließlich dieses plakative Power-Posen – entweder mit Fingerfertigkeit oder mit sonst irgendeiner aufsehenerregenden Ungewöhnlichkeit. Das ist zum Durchklicken und kurz Staunen ganz nett. Mehr gibt mir persönlich das aber nicht unbedingt. Wie geht es euch damit?

Für alle, die mal eine Pause brauchen oder selber mal eine oder zwei strategische Pausen in ihr Solo einbauen wollen – hier sind ein paar Ideen und Anregungen für euch.

Macht mal eine Pause, und noch eine, und noch eine

Eines der wichtigsten Learnings, die die Live-Musik bietet: Pausen. Sie sind das A und O in der Musik. Und zwar nicht für euch, um kurz Luft zu holen. Sondern für das Publikum, um zu verstehen, was da gerade an klanglichem Getöse auf sie einwirkt. Erst recht, wenn wir leicht angetüdelt auf einem Live-Konzert irgendwo in der Menge stehen und einem Gitarrensolo lauschen.

Wie langweilig und schließlich frustrierend sind Unterrichtsstunden, Uni-Vorlesungen oder Meetings, in denen ihr frontal mit Fakten bombardiert werdet? Und zwar so, dass euch der oder die Vortragende ohne Punkt und Komma druckbetankt? Wir verarbeiten Informationen am besten in mundgerechten Häppchen. Und noch besser können wir uns etwas merken, wenn wir einen emotionalen Bezug dazu haben.

Also: Macht Pausen, und baut eine emotionale Verbindung zu euren Zuhörern auf. Wie ihr das schafft? Mit einem Leitmotiv. Was ist ein Leitmotiv? Dieser Begriff bezeichnet ein musikalisches Element, das regelmäßig wiederholt wird und eine besondere symbolische Bedeutung besitzt. Als Quintessenz eines Stücks oder Songs bringt es seine Message auf den Punkt.

Wie ihr euer eigenes Solo mit einem Leitmotiv optimiert:

  1. Baut euer Gitarrensolo auf einem Leitmotiv auf
    Euer Solo braucht einen Kern, eine Message – ein Leitmotiv. Dieses musikalische Element kann ein Lick oder eine besondere Tonfolge sein. Es bildet das Herzstück eures Solos. Das Leitmotiv dient als Einstieg bzw. Opener, kann aber auch den Höhepunkt des Solos bilden. Wozu ein Leitmotiv gut ist? Es fördert den Wiedererkennungswert.
  2. Nutzt Variationen dieses Leitmotivs als Dreh- und Angelpunkt eures Solos
    Nachdem ihr das Leitmotiv vorgestellt und etabliert habt und damit den Zuhörern einen Einstieg in euer Solo geschaffen habt, wandelt es ab. Nutzt diese Variationen, um euch von Part zu Part langsam zu steigern. Kombiniert sie mit weiteren Elementen, die euer musikalisches Können richtig zeigen. Experimentiert, schlagt über die Stränge, tobt euch aus. Und kommt immer wieder zu einer neuen Variation des Motivs zurück.
  3. Bietet euren Zuhörern ein Spektakel mit Wiedererkennungseffekt
    Dieses dynamische Wechselspiel zwischen eurer musikalischen „Homebase“ (dem Leitmotiv) und euren experimentellen Ausflügen macht euer Solo nicht nur spannend, sondern überhaupt erst als solches kenntlich. Sie verschaffen ihm eine musikalische Struktur – mit Intro, Höhepunkt und Schluss. Das Motiv verbindet diese einzelnen Solo-Parts und schafft so ein Hörerlebnis, an das man sich erinnert. Denn: Ohne ein griffiges Element, das Zuhörer verstehen und sie bewegt, geht das Solo in ein Ohr rein und zum anderen wieder raus.

Die Mutter aller solistischen Leitmotive: „Sultans of Swing“

Es gibt wenige Gitarrensolos, die so bekannt sind und gleichzeitig so sehr ins Ohr gehen wie das des Dire Straits Klassikers „Sultans of Swing“. Mark Knopfler kommt zwischen seinen filigranen und extrem nuancierten Licks immer wieder zum Kern des Gitarrensolos zurück. Dieser harmonische Wechsel von d-Moll zu C-Dur zu B-Dur bildet das Leitmotiv. In diesem Song bildet es eine Einheit mit dem Chorus und schafft dadurch einen extrem hohen Wiedererkennungswert.

Ein gutes Beispiel für ein Gitarrensolo, das kein explizites Leitmotiv besitzt, aber durch seine dynamische Abwechslung griffig und packend zugleich ist: Eric Johnsons „Desert Rose. Das ist solistische Gitarrenkunst mit hohem handwerklichem Anspruch. Eric Johnson, absoluter Arpeggio-Gott, setzt im Solo-Teil auf genau solche Akkordzerlegungen, um sein Gitarrensolo zu strukturieren. Zwischen den Pentatonik-Passagen, in denen er richtig Gas gibt, markiert er immer wieder die Akkorde der aktuellen Passage – in seiner charakteristischen Art, mit Grundton, Terz und Quinte meist über den Verlauf einer Oktave. Der Wechsel dieser Pentatonik-Parts mit den Akkord-Sequenzen macht ein typisches Eric Johnson Solo aus.

Fazit: Hauptsache kein Solo als Selbstzweck

Um es auf den Punkt zu bringen: Solieren sollte meiner Meinung nach kein Selbstzweck sein. Das heißt aber nicht, dass ein gutes Gitarrensolo songdienlich sein muss. Der Begriff „songdienlich“ ist ohnehin ziemlich abgegriffen und eigentlich irreführend. Natürlich muss sich das Solo gut in den Song einfügen. Aber es darf durchaus über die Stränge schlagen. Um nicht zu sagen: Völlig verblüffen und gerne auch mal sprachlos machen. Will heißen, das Gitarrensolo darf alles andere – auch den Song selbst – in den Schatten stellen.

Am Ende muss das Solo vor allem Hörerdienlich sein. Deswegen: Ein anspruchsvolles Gitarrensolo vor einem Fachpublikum von Musikern und Gitarristen vorgetragen – wunderbar, alles fein. Aber auch da höre ich mir persönlich tausend Mal lieber ein Solo von Andy Timmons an als von John Petrucci (Oh oh – Blasphemie?). Einfach weil Timmons‘ Solos viel melodischer sind. Oder, was meint ihr? Da kommt einfach viel mehr an als nur „Ich shredde. Look at me. I’m shredding.“

Wen meine Ausführungen immer noch nicht überzeugen, der findet hier meine ganz persönliche Bestenliste mit den Top 10 Gitarrensolos die mit minimalen musikalischen Mitteln ganz groß auftrumpfen. Fun fact: Auf dieser Hitliste sind sogar Solos dabei, die mit nur einer einzigen Note auskommen. Viel Spaß beim Reinlesen und Hören!

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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