Lieder schreiben mit weniger Kontrolle und mehr Kreativität

Blog'n' Roll - Lieder schreiben mit weniger Kontrolle und mehr Kreativität

Und plötzlich ist sie da: Die Idee für euren eigenen Song. Moment. Ein Lied schreiben? Wie geht das eigentlich? Und womit fängt man an? Text, Melodie oder Akkordfolge? Und wie findet man den richtigen Abschluss? Dieser Beitrag bietet euch 3 Tipps, wie ihr eure kreative Energie so kanalisiert, dass am Ende ein richtiger guter Song entstehen kann. Let’s go!

Hilfe ein Hit!

Eine Songidee ist ein bisschen wie ein Traum. Je stärker du an sie denkst, desto schwieriger wird es, sie festzuhalten und richtig zu begreifen. So doof das klingt: Aus meiner Erfahrung liegt die Kunst des Songwriting im Mut zum Kontrollverlust. Statt bereits zu Beginn eure Idee in eine konkrete musikalische Form zu gießen und euch dadurch möglicherweise verfrüht einzuschränken, solltet ihr erstmal eines tun: Euch auf gar keinen Fall festlegen. Erst recht, wenn ihr mit einem Fragment, einer Melodie oder einer Akkordfolge startet. Deswegen lautet mein erster Tipp für euch:

1. Hört euch euren Song erstmal an, bevor ihr ihn schreibt

Stellt es euch doch mal so vor: Euer Song ist bereits da. Er existiert, und zwar komplett, mit Strophe, Chorus, vielleicht sogar einem Gitarrensolo. Es hat ihn nur noch keiner gehört – außer euch. Ihr habt zum allerersten Mal einen ganz kleinen Ausschnitt daraus wahrgenommen – eure erste Idee dieses Songs. Wie wird aus diesem Soundschnipsel ein richtig guter Song?

Indem ihr erstmal rausfindet, was euch da überhaupt in den Kopf gekommen ist. Wie ihr das am besten tut? Indem ihr euer Leben damit verbringt Songs zu hören, unbewusst aufzusaugen, bewusst zu analysieren, und gerne auch manisch konsumiert. Atmet fremde Musik ein und eure eigenen Ideen wieder aus. Je mehr Songs ihr kennt und ihre Strukturen und Mechaniken verinnerlicht habt, desto besser und schneller könnt ihr antizipieren, was ihr da für ein Lied im Begriff zu schreiben seid.

Diese Herangehensweise gibt euch vor allem die Routine zu akzeptieren, wenn es irgendwo mal nicht so schnell vorwärts geht. Denn: Lieder zu schreiben ist – aus meiner eigenen Erfahrung – ziemlich tricky. Entweder die Muße überrollt dich wie ein D-Zug und du hast innerhalb von 30 Minuten den Großteil deines Songs zu Papier gebracht. Oder es zieht sich und zieht sich. Bis ihr irgendwann nach Jahren einen die nächste Abzweigung findet und plötzlich weiterkommt.

2. Lyrics und Sprachmelodie: Lasst euch von eurer Intuition leiten

Wie ihr das spontane Momentum der kreativen Eingebung nutzt? Indem ihr völlig ungeniert drauflos klimpert und trellert. Seid ihr – ganz klassisch – mit einer Gitarrenbegleitung gestartet und habt das Riff bereits halbwegs im Griff (Achtung: Wortspiel), fangt an dazu zu singen. Welche Melodien habt ihr im Ohr? Welche passen gut zur Begleitung, ergeben spannende Reibungen? Probiert es aus.

Ihr sucht den passenden Songtext zur Melodie? Fangt mit einer Fantasiesprache an. Achtet nicht auf Worte sondern auf Vokale. Welche Laute hört ihr am Satzende? Oder anders gefragt: Was wollt ihr da intuitiv hören? Fangt ihr parallel an, über ein mögliches Songthema nachzudenken, lasst die Melodie für sich sprechen. Was summt und singt da eigentlich? Klingt das eher melancholisch oder (Ich finde dieses Wort im Kontext von Musik echt doof aber nutze es der Einfachheit halber ->) „gutgelaunt“? Was will euch die Melodie, die ihr da singt, eigentlich sagen? Antworten bietet die Sprachmelodie. Fragen enden mit angehobener Stimme, Aussagesätze enden mit absteigendem Intervall. Das ist ein simples aber unfassbar wahres Prinzip, das die Melodieführung und Phrasierung in der Musik maßgeblich prägt. Setzt es ein!

Tipp: Habt ihr eine Songzeile oder einen Satz im Kopf, sprecht ihn laut vor euch hin. Überlegt euch: Wie wollt ihr das, was ihr im Kopf habt, sagen? Hört euch mal „I can’t make you love me“ von Bonnie Raitt an. Einer der weltheftigsten Love-Songs, wenn ihr mich fragt. Die Hook bzw. Topline kulminiert beim Einstieg in den Chorus auf dem Wort „I“ – „I can’t make you love me.“ Am Ende des Refrains wird der tonale Höhepunkt auf dem Wort „make“ erreicht – „I can’t make you love me if you don‘t.“ Ich kenne wenige Songs, die die Möglichkeiten der Sprachmelodie so effektiv ausreizen und beeindruckend inszenieren. Der Song dreht sich um eine unerwiderte Liebe und die Unmöglichkeit echte Gefühle zu erzwingen. Und darum, dass der oder die Liebende das einsieht, auch wenn alles in ihm oder ihr sich wünscht, dass es anders wäre.

3. Schreibt euren Song fertig – auch wenn er echt schlecht ist

Ich kann nur für mich sprechen. Für mich braucht ein guter Song nur genau das: Drei Akkorde und ein Gefühl – irgendetwas, das einen berührt. Diese Emotionen oder Vibes oder wie auch immer ihr diese Quintessenz eurer Komposition nennen wollt, kann man – genau wie Liebe – nicht erzwingen oder faken. Noch schlimmer: Man kann sie extrem leicht mit gekünsteltem Trara übertünchen. Genau deswegen ist es so wichtig, dass ihr extrem offen ans Song schreiben rangeht und flexibel bleibt. Schließlich seid ihr gefordert, eurem Gefühl so viel Ausdruckskraft zu verleihen wie nur möglich. Das könnt ihr nur, wenn ihr rausfindet, in welchem musikalischen Kontext der Song seine stärkste Strahlkraft entfaltet.

Das kann mitunter auch mal länger dauern. Wenn es auch über Jahre hinweg mit einer Song-Idee nicht so richtig weiterging, habe ich mich häufig an den Sinnspruch erinnert, mit dem Paul Simon zitiert wird: „You don’t write Songs – you rewrite them.“ Es lohnt sich eine halbfertige Idee auch einfachmal zu Ende zu schreiben. Wieso? Weil ihr nur diejenigen Versionen eures Liedes als „geht so“ abhaken könnt, die ihr auch fertiggestellt habt. Sonst spuken die euch weiterhin im Kopf rum, frei nach dem Motto: „Vielleicht wäre diese eine Version ja doch die richtige gewesen?!“ Song fertig schreiben, in den Mülleimer damit, und weitermachen!

Und auch wenn sich dieser Prozess mehrfach wiederholt und ihr mehrere Anläufe nehmen müsst:  Bleibt offen und flexibel, probiert euch aus, singt das, was euch euer Herz im wahrsten Sinne des Wortes in den Mund legt. Und kommt irgendwann schlussendlich zum Punkt. Und setzt wieder neu an – mit der richtigen Stimmung fürs Song schreiben.

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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