Wie sage ich Gitarristen, dass ihr Gitarrensolo nervt?

Ein Gitarrensolo nach dem anderen zu spielen ist sowas wie eine Berufskrankheit von Solo Gitarristen. Beim gemeinsamen Musik Machen in der Band kann das ganz schön nerven. Wie geht man mit diesem Drang des Gitarristen um, sein Können an der Gitarre zu zeigen? Der folgende Beitrag bietet einen nicht ganz ernstgemeinten Ratgeber für alle Musiker da draußen, die manchmal mit den (vermeintlichen) Star-Allüren ihrer Lead Gitarristen zu kämpfen haben.

OK. Es stimmt. Wir Lead Gitarristen sind öfter mal zu laut. Wir spielen häufig Licks irgendwo rein, wo sie vielleicht nicht zwingend hingehören. Und wir spielen grundsätzlich ziemlich ohne mit der Wimper zu zucken ein Gitarrensolo, wenn wir die Gelegenheit dazu bekommen.

Lead Gitarristen sind auch nur Menschen (mit zu großen Erwartungen)

Wieso machen wir das? Versetzen wir uns mal kurz in die Lage eines Solo Gitarristen. Sie haben einen Ruf zu verlieren. Nach mehr als einem halben Jahrhundert des Höhenflugs, den die Gitarre und damit Gitarristen in der Pop-Musik hingelegt haben, steigst du als Nachwuchstalent eben auch ziemlich weit oben ein. Also im Sinne der Erwartung und Verantwortung, die du hast – ne? Große Fußstapfen und so. Die unzähligen Rocker, Jazzer, Shredder und neuerdings Neo-Souler, die sich auf Youtube und Co tummeln und ihr Können eindrucksvoll und ziemlich inflationär unter Beweis stellen, tragen nicht gerade dazu bei, dass man als Gitarrist denkt: „Hey, komm, nicht so wild, ich nehme mich jetzt mal ein bisschen zurück.“

Solo rocken oder songdienlich spielen? Für viele Gitarristen ein Widerspruch

Einen Song ohne Solo einfach mal einen Song ohne Solo sein lassen? Schwierig. Aber klar, es gibt durchaus große Unterschiede. Hier und da mal ein Lick zu viel raushauen? Vielleicht verzeihbar. Permanent überperformen und in jedem Lied mit einem Gitarrensolo aufwarten beziehungsweise es als Gott-gewollt voraussetzen? Da sind Spannungen in der nächsten Bandprobe unter den Mitmusikern vorprogrammiert.

Bands leben von der kreativen Spannung zwischen den Mitmusikern

Die spannende Frage, die sich dabei stellt: Wie können eure Band und ihr von dieser kreativen Energie profitieren? Denn solch eine Spannung zwischen starken musikalischen Köpfen kann die Produktivität der Band enorm fördern. Egal ob auf der Gitarre oder auf einem anderen Instrument, Solos sind im Optimalfall einer der Höhepunkte im Song. Die Herausforderung dabei ist, das Gitarrensolo so zu inszenieren und zu arrangieren, dass es zum Song beiträgt und ihm nochmal einen Boost gibt. Was es für ein songdienliches Solo braucht, das diskutiere ich demnächst in diesem Beitrag.

Wie langweilig wäre es bitteschön, in einer Band zu spielen, in der alle „Ja“ zu allem sagen und den größten musikalischen Quatsch einfach so durchwinken. Wie oft habe ich mich mit unserem Schlagzeuger oder Bassisten gefetzt, wegen irgendwelchen unwichtigen Licks, Riffs oder Solos. Vielleicht habt ihr ja ähnlich Erfahrungen gemacht? Am Ende haben wir immer gemeinsam gemerkt: OK, dieser Part, dieses Solo war jetzt wirklich irgendwie so geil, dass wir das unbedingt im Song brauchen. Und genau diese Momente muss man gemeinsam zulassen und zelebrieren.

Noch ein Gitarrensolo? Wie Band und Gitarrist zueinander finden

Betrachten wir es ganz einfach: Bands spielen für ihr Publikum. Oder? Ihr wollt gemeinsam mit euren Mitmusikern euer Publikum, eure Hörer überzeugen. Wie schafft ihr das? Indem ihr mit eurer Musik Emotionen weckt, eine außergewöhnliche Stimmung erzeugt, zum Mittanzen animiert, mit musikalischer Kreativität begeistert. Wie kommt ihr also gemeinsam an diesen Punkt, wo das allen Bandmitgliedern klar ist? Im Folgenden findet ihr meine ultimativen und extrem praxisnahen Tipps für klärende Gespräche zwischen Bandmitgliedern. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: „Brauchen wir wirklich noch ein Gitarrensolo?“

  1. Lasst alle Bandmitglieder vor dem Gespräch wissen, was ihr besprechen wollt

Das gibt vor allem dem Betroffenen Zeit sich darauf vorzubereiten. Emotionale Eskalationen wird dadurch optimalerweise vorgebeugt.

  • Trefft euch im Proberaum
    Das bietet sich an, wenn ihr gemeinsam versuchen wollt, das Solo direkt so zu verändern, dass es zum Song und eurer Musik passt – und euch allen gefällt!
  • Trefft euch an einem neutralen Ort
    Das bietet sich an, wenn ihr Grundlegendes besprechen wollt. Etwa, wie bei euch die interne Rollenverteilung künftig aussehen soll und inwiefern Solos für euch und eure Musik überhaupt noch Sinn machen.

    Diese Fragen solltet ihr für euch gemeinsam beantworten:
    • Macht das Gitarrensolo den Song besser?
    • Gibt es euch vor allem Live nochmal einen richtigen Energie-Schub?
    • Macht es euch einfach Spaß das Solo gemeinsam zu spielen?!

Wer diese grundlegenden Fragen mit „Ja“ beantworten kann, macht mit einem Gitarrensolo alles richtig.

Macht das Gitarrensolo zum Band-Solo

Auch wenn es doof klingt, ist es häufig in der Praxis trotzdem manchmal schwer sich einzugestehen: Mitmusiker, die Zeit und Energie in eigene Ideen investieren, gilt es UNBEDINGT zu unterstützen. Wenn einer eurer Kollegen mit einer Idee für ein Solo anklopft, und ihr Potenzial darin seht, solltet ihr unbedingt was draus machen. Vielleicht bietet sich dabei ja sogar die Möglichkeit, richtig einen rauszuhauen und aus der Solo-Idee einen Instrumentalpart zu arrangieren, in dem eure Band gemeinsam zeigt, wie geil ihr zusammen rocken könnt?

Habt ihr in der Band etwa die Möglichkeit, das Solo mit anderen Melodie-Instrumenten zu unterstützen? Bietet sich vielleicht sogar ein gemeinsames Solo von Gitarre und den Keys an? Wollt ihr das Solo mit Breaks untermauern, um den Ganzen das Feeling eines Band-Solos zu geben? Gerade Live könnt ihr damit eure Qualität als Musikgruppe prima präsentieren und gleich mehreren Bandmitgliedern die Möglichkeit geben, sich zu präsentieren und musikalisch auszutoben. Auch da kann ich nur sagen: Für mich als Musiker und Musikfan gibt es nichts Geileres, wenn eine Band an der ein oder anderen Stelle mit unerwarteten und musikalisch beeindruckenden Instrumentalparts ihr Set ergänzt, um das Publikum zu überraschen und genau diese ganz eigene Magie eines Live-Moments erzeugt.

Fazit: Gebt Lead-Gitarristen eine Chance

Sicher. Ich bin alles andere als unbefangen. Ich drehe beim Gitarrensolo den Song auch immer lauter. Und ich spiele eben auch super gerne eins, wenn sich dafür die Gelegenheit bietet. Oder ich meine Mitmusiker in der Band so lange nerve, bis sie dieser Gelegenheit murrend zustimmen. Aber hey: Betrachten wir es doch einmal kurz so objektiv wie es eben geht. Die Gitarre ist einfach ein tolles Instrument, um im Dienst des Songs und der Band geile musikalische Momente zu schaffen. Welches andere Instrument kann Begleitung und Solo, Harmonik und Melodik so gut miteinander verbinden? Deswegen mein nicht ganz uneigennütziger Tipp: Gebt Lead Gitarristen eine Chance. Es lohnt sich.

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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