Die 10 besten Gitarrensolos die am wenigsten shredden

Ein gutes Gitarrensolo muss schnell, laut und kompliziert sein. Am besten sollten Solo-Gitarristen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel ihres Könnens zeigen. Schließlich müssen sie häufig um jede Sekunde Spielzeit kämpfen. Vor allem im Pop-Bereich werden Solos gekürzt oder erst gar nicht im Song berücksichtigt. In anderen Gitarren-dominierten Genres wie Metal ist die Konkurrenz so groß, dass man in der Masse untergeht, wenn man beim Shredding nicht noch einen draufsetzt. Es gilt das Gesetz des „Survival of the Fastest“.

Mein ultimatives Lieblings-Gitarrensolo einer Frankfurter Band hört ihr in der 1. Folge von Jam Schwätzen.

Hey Shredder: Das ist eine Intervention

Was wäre denn, wenn wir mal kurz innehalten und diese Überbietungs-Kakophonie überdenken, die unseren Berufsstand prägt. Hand aufs Herz: Wir Gitarristen übertreiben gern. Und oft. Unser Ehrgeiz Gitarrensolo zu spielen kann ganz schön nerven. Höchste Zeit für eine Intervention.

OK, los geht’s: Sitzkreis. Enter: Der gemeine Gitarrist. Verdutztes Gesicht trifft auf ernste Gesichter. „Wir müssen reden“. Tacheles. Wie soll ich sagen. Dieses ständige Shredden nervt. Und zwar ziemlich. Vor allem in den sozialen Medien jagt ein seelenloses Gitarrensolo das nächste. Die immergleichen Solos werden gefeiert, geteilt und gecovert. Ein furchtbarer Dudel-Marathon in Dauerschleife. Uff.

Die sozialen Medien befeuern die Shredding-Mania

Meine ultimative Anti-Shredding Hitliste

In diesem Beitrag gehe ich die Sache mal von der ganz anderen Seite an. Hier teile ich mit euch meine ganz persönliche Hitliste der besten Gitarrensolos, die am wenigsten shredden. Im Folgenden findet ihr eine Auswahl an Solos auf der Gitarre, die unbedingt in die Hall of Fame gehören.

Allerdings habe ich hier Gitarrensolos ausgesucht, die es dorthin mit den einfachsten Mitteln geschafft haben. Kompliziertes Gefuddel – Fehlanzeige. Die Licks und Läufe, die ihr in diesen Solos hört, überzeugen mit Dynamik und Feeling. Ganz nach dem Prinzip: Keep it simple – and rocking.

Diese Gitarrensolos rocken mit ganz einfachen Mitteln

Die Bestplatzierten dieser Gitarrensolos kommen sogar mit einem absoluten Minimum an Noten aus. Und rocken trotzdem oder gerade deswegen extrem. Also, hier kommt sie: meine Bestenliste für absolute Killer-Solos mit einem kleinen musikalischen Repertoire.

Platz 1: King’s X – Alone

Dieses Gitarrensolo ist das beste One-Note-Solo, das ich kenne. Ty Tabor, Lead-Gitarrist der texanischen Rockband King’s X, setzt sich mit seinem Solo voll auf die Akkorde drauf und setzt sie dadurch erst richtig in Szene. Meine Top-Empfehlung für ein geiles Gitarrensolo, das völlig unstandesgemäß auf großen Bombast verzichtet. Bei genauerem Hinhören zeigt, sich, warum das Solo so viel Schmiss hat. Tabor arbeitet mit zwei Gitarrenspuren, die Links und Rechts gepanned sind. Links schrubbt Tabor den Achtelrhythmus auf einer einzigen Note, während er rechts die Chord-Changes bedient. Nicht zu genau hinsehen sollte man allerdings beim Musikvideo. Trotz angestaubtem Clip für mich die Bestplatzierung.

Platz 2: AC/DC – Rock’n’Roll Damnation

OK. Diese Band konnte in diesem Gitarrensolo-Ranking schlicht und einfach nicht fehlen. AC/DC sind Kult. Ihr Lead-Gitarrist ist Kult! Angus Young ist dafür bekannt, extrem stimmungsvolle und dynamische Solos zu spielen. In diesem Song tut er dies noch konsequenter als sonst. Zugegeben: Ich habe die genaue Anzahl der Töne und Halbtöne und Zwischentöne seiner Blues-Licks nicht gezählt. Klar ist aber: Mehr mit weniger geht kaum. Dabei möchte ich unbedingt und sehr ausdrücklich darauf hinweisen, wie extrem unselbstverständlich es ist, mit so wenig musikalischem Material so viel an Spirit und Emotionen zu transportieren. Dieser 1,57m große Australier ist einfach eine Naturgewalt. Ganz ganz knapp hinter King’s X auf Platz 2 sein legendäres Solo.

Platz 3: The Blue Stones – Let it Ride

3 Töne. Mehr braucht Gitarrist Tarek Jafar von The Blue Stones nicht, um den Song zu seinem absoluten Höhepunkt zu hieven. Mit 3 Tönen, einem cremigen Fuzz und einem lasziven Bending. Wahnsinn. Disclaimer: Mir wurde diese Band kurz vor Fertigstellung dieses Rankings empfohlen. Dieser Song mitsamt Gitarrensolo war also mein Erstkontakt mit diesem kanadischen Duo, das einen echt innovativen Blues-Sound fährt – irgendwo zwischen 60s Federhall und 90s Stoner-Feel. Für mich ein Instant-Kandidat für die oberen Ränge. So dermaßen direkt auf den Punkt gezockt. Das ist für mich Platz 3.

Platz 4: Tom Petty – I won’t back down

Gitarrist Mike Campbell ist einer der bekanntesten Gitarristen der Rock-Szene L.A.s. Als Lead-Gitarrist für Bands wie Tom Petty & the Heartbreakers und Fleetwood Mac hat Campbell etliche Gitarrensolos beigesteuert, die mittlerweile zum Kanon des amerikanischen Classic Rock zählen. Sein Solo an der Slide-Gitarre in „I won’t back down“ zählt – um das an dieser Stelle hervorzuheben – insgesamt 14 Töne. Das sind 14 Töne und 8 Takte geballtes Feeling: Amerikanische Take-it-Easy-ness. Wie Campbell diesen ikonischen Sound erzeugt? Mit einem dezenten Slap-Back Delay für den Raumklang, einer auf G umgestimmten Gitarre und seinem Trademark Vibrato. Der Rest ist Rock-Geschichte. Platz 4.

Platz 5: KALEO – All the Pretty Girls

Die talentierte Folk-Rock Band KALEO ist bekannt für ihren ausdrucksstarken Gesang und die Soundtrack-verdächtige Stimmung, die sie mit ihren Songs erzeugen. Dass sie darüber hinaus ziemlich geschmeidige Gitarrensolos abliefern, sei an dieser Stelle ganz besonders hervorgehoben. Gitarrist Rubin Pollock fährt in „All the Pretty Girls“ über 16 Take konsequent eine Melodiefigur. Dabei baut das Solo auf dem Motiv auf, dass die Gitarre beim Einstieg in den Song spielt und fügt sich damit extrem organisch in den Song ein. Lagerfeuer-Vibes. Like! Platz 5.

Platz 6: Red Hot Chili Peppers – Scar Tissue

John Frusciante ist ohne Frage einer der markantesten und möglicherweise auch kontroversesten Gitarristen, die die Pop-Musik geprägt haben. Für seine enorme Vielseitigkeit zählt ihn nicht zuletzt das Rolling Stone Magazin zu den besten Gitarristen, die auf diesem Planeten wandeln. Bei den Red Hot Chili Peppers steht Frusciante mit seiner Stratocaster für dieses unverkennbare kalifornische Flair. Damit schafft er wie hier bei „Scar Tissue“ dermaßen krasse Vibes, wie nur wenige andere Lead-Gitarristen. Melancholie, Lethargie, aber auch Leichtigkeit und Coolness schwingen in seinem Slide-Gitarrensolo mit. Eines meiner Lieblingslieder der Chilis, seit ich den Song als Teenager und Anfänger an der Gitarre zum ersten Mal gehört habe. Platz 6.

Platz 7: Faith No More – Easy

Das Solo dieses Easy-Listening Hits von The Commodores ist ein Klassiker, den wirklich jeder kennt. Gitarrist Thomas McClarys mittlerweile legendäre Solo-Einlage wurde damals vom Rolling Stone Magazin als eines der besten Solo-Gitarren-Performances gelobt. Mir persönlich gefällt die Cover-Version von Faith No More deshalb noch ein bisschen besser, weil Gitarrist Jim Martin die einzigartigen Vibes noch deutlicher zum Klingen bringt, die in diesem Song stecken. Eine fiese Fuzz-Verzerrung und übertrieben laszive Legatos: Nichts bringt dieses besondere Sonntagsgefühl, diese Mischung aus „F-dich Welt“ und „too lazy to care“, besser auf den Punkt als dieses Gitarrensolo. Platz 7.

Platz 8: Beatles – Drive my car

George Harrison ist ein Pionier der Gitarrenkunst im Pop-Rock. Ein brutal guter Gitarrist, der unverdienterweise nur selten mit den „großen“ Gitarreros in Verbindung gebracht wird. Zumindest nicht im allerersten Satz, wenn dort die „Slashs“ und „Eddie Van Halens“ der Musikwelt aufgezählt werden. Mir persönlich gefallt Harrisons Gitarrensolo beim Beatles Song „Drive my car“ einfach extrem gut. Es gibt der Nummer einen richtigen Schub, weil es rhythmisch spannend gesetzt ist. Und obwohl oder gerade weil es ein denkbar kurzes Solo ist, steigert es sich bis zum Schluss. Alles in allem einfach ein sehr stimmiges und schmissiges Rock’n’Roll Solo. Und mit ganz viel Fantasie klingt der Einstiegs-Lick sogar wie ein Motor-Aufheulen – was meint ihr ;)?! So oder so: Platz 8.

Platz 9: Bruce Springsteen – Because the Night

Bruce Springsteen ist für mich einer der meistunterschätzten Gitarristen – und damit Solo-Gitarristen. Was Springsteen aus dem Song „Because the Night“ rausholt, den Patti Smith berühmt gemacht hat, beweist er live besonders eindrucksvoll. Allein das Intro der Live-Version von 1978 ist extrem atmosphärisch. Das eigentliche Solo finde ich in jener Version besser, die auf seinem berühmten Live-Album 75-85 drauf ist. Ich habe selten so einen geilen Solo-Einstieg gehört. Die Töne, die er anspielt, haben so viel Sehnsucht – heftig. Und auch hier geht es während des gesamten Solos nur in eine Richtung: aufwärts. Spannung vom ersten bis zum letzten Ton. Platz 9.

Platz 10: Journey – Who’s Crying Now

Neil Schon von Journey ist für mich einer der besten Solo-Gitarristen, die die Gitarrenmusik und speziell den Rock der 80er geprägt haben. Allein mit einer Top-10 der besten Gitarrensolos von Journey könnte man Stunden zubringen, um zu erörtern, was die jetzt alle eigentlich so stimmungs- und geschmackvoll machen. Die einfache Antwort wäre wahrscheinlich: Dass Neil Schon auch hier immer konsequent Melodie-orientiert spielt. Klar, ein bisschen Show-off muss schon sein. Schließlich ist das hier 80er-Rock (ohne Dauerwelle, aber dennoch mit ziemlich engen Hosen)! „Who’s Crying Now“ zeichnet sich für mich durch sein Leitmotiv aus. Schon steigt mit einer zentralen Melodie ein und baut sie immer weiter aus, um das Solo fortwährend zu steigern. 4, Periode 9 von 5 Punkten. Platz 10.

Fazit

Ich hätte diese Liste auch mit 10 Songs von John Mayer oder Eric Clapton füllen können. Schließlich sind beide für ihr minimalistisches Solieren bekannt. Das hätte ich aber nur halb so spannend gefunden. Warum? Weil diese Solos wahrscheinlich schon so ziemlich jeder kennt, der in seinem Leben jemals etwas mit Gitarren zu tun hatte oder einfach nur das Radio hat laufen lassen.

Mir war eher daran gelegen, ein paar Bands und Künstler mit ins Spiel zu bringen, die ihr vielleicht nicht unbedingt kennt und/oder die ansonsten nicht an allererster Stelle genannt werden, wenn es um solistische Einlagen an der Gitarre geht. Und: Bei insgesamt 10 Plätzen wollte ich außerdem für etwas Abwechslung sorgen und so viele unterschiedliche Stilrichtungen abdecken wie eben möglich. Und: Das ist ein Top 10-Ranking. Zehn Plätze sind verdammt wenig Platz.

Was alle Gitarrensolo Solos eint, die es in diese Hitliste geschafft haben: Dass sie auf Dynamik und Melodie setzen. Und weniger auf Können und Show. Mir persönlich sagt das sehr zu. Wie seht ihr das? Vielleicht hat der ein oder andere Song auf dieser Liste euch ja Lust auf mehr gemacht: Auf das Genre, Album oder auf die jeweilige Band? Ich würde mich freuen! Lasst mich wissen, was eure persönlichen Favorites sind.

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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