Genesis 1976: Flammen auf der Loreley

Blog'n'Roll - Genesis auf der Loreley 1976 (c) Thomas Lawall

Live-Musik bietet immer wieder einzigartige Momente. Einen davon hat Harald Bücker hautnah miterlebt. 1976 war der erfahrene Licht- und Tontechniker bei der „A Trick of the Tail“ Tour von Genesis dabei. Das legendäre Konzert auf der Loreley wäre fast in einem Flammenchaos geendet. Warum es nicht dazu kam, schildert er im Interview.

Lieber Harald, du hast das Konzert von Genesis 1976 auf der Loreley miterlebt. Mitten im Set werden plötzlich Flammen am Waldrand neben der Bühne sichtbar. Was hast du in dem Moment gemacht?

Ich stehe am linken Supertrooper bei der Lichttechnik, ca. 50 Meter von der Bühne entfernt. Unser Technik-Team ist abgezäunt, mitten im Publikum. Nach der Hälfte des Konzerts bemerke ich, dass irgendwas passiert. Irgendwas ist hier komisch, denke ich mir. Man muss wissen: Heute ist die Bühne der Loreley mit einem festen Dach überspannt. Damals, 1976, stehen die Konzertbesucher um das Amphitheater herum auf den umliegenden Wiesen bis an den Rand des Waldes. Dort haben an diesem Abend irgendwelche Scherzkekse ein Feuer gelegt. Erst hat es angefangen zu glimmen. Dann geht schließlich das dortige Waldhaus in Flammen auf. Zu diesem Zeitpunkt sind die Flammen bereits rund 15 Meter hoch. Die Konzertbesucher fangen an unruhig zu werden. Das ist echt gar kein gutes Gefühl gewesen! Ohne die beruhigenden Worte des Veranstalters und von Phil Collins selbst wäre es fast zu einer Massenpanik gekommen. Bis das Feuer gelöscht worden ist, hat nicht mehr viel zur Katastrophe gefehlt. Viele haben das in der Form gar nicht mitbekommen beziehungsweise später realisiert.

Wie hättest du reagiert, wenn sich das Feuer tatsächlich weiter Richtung Publikum und Bühne ausgebreitet hätte?

Ich hatte meinen Fluchtweg eigentlich schon geplant. Für mich war klar: Wenn das hier brenzlig wird, kannst du dich nicht gegen eine große Masse von panischen Menschen stellen. Besser, du nimmst deine Beine selbst in die Hand und rennst.

Blog'n'Roll - Die Waldbühne der Loreley 1976 noch ohne Dach. (c) Thomas Lawall
Die Waldbühne der Loreley in St. Goarshausen 1976 – damals noch ohne Bühnendach. (c) Thomas Lawall

Wie bist du eigentlich zu diesem Job beim Loreley-Konzert von Genesis gekommen?

Ein paar Freunde und ich hatten uns ein paar Tage zuvor Karten für das Konzert gekauft. Kurz darauf bekomme ich einen Anruf. Ein Bekannter von mir, den der Konzertveranstalter dieser Genesis-Tour angerufen hat, meldet sich bei mir. Die Veranstalter bräuchten einen Techniker für einen der Verfolger, so mein Kumpel. So bin ich denkbar spontan an den Job am Supertrooper auf der Loreley gekommen. Mein Einsatz ist dabei ziemlich überschaubar gewesen. Ich habe also wunderbar die grandiose Show verfolgen und wahrscheinlich als einer der ersten das Feuer wahrnehmen können.

Auch ohne den verhinderten Großbrand war der Loreley-Auftritt von Genesis ein denkwürdiges Konzert. Schließlich hatte zuvor Ex-Frontman Peter Gabriel die Band verlassen und Phil Collins den Lead-Gesang übernommen. Was ist dir an dieser Performance in Erinnerung geblieben?

Das Konzert hat für mich nach wie vor Kultstatus. Es war der Hammer, einfach aus dem Grund, weil hier unglaublich viele Sachen zusammenkamen. Die Show fing mit einer damals bahnbrechenden Filmvorführung an – „The Dance on the Volcano“. Die Sensation: Ein Film eines fließenden Wasserfalls wurde dort auf ein großes Banner mit einem Wasserfall projiziert. Das hatte in der Form noch niemand gesehen. Während des Konzerts präsentierte die Band eine für damalige Verhältnisse einzigartige Laser-Show. Das war die erste große Laser-Show, die ich damals gesehen habe. Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1976! Das war ein absolutes Novum. Außerdem war „The Trick of the Tail“ die erste Tour mit Phil Collins als Lead-Sänger. Die zweite Sensation war die Performance mit zwei Schlagzeugern. Damals hatten Genesis Die Drum-Legende Chester Thompson angeheuert, um sie an den Trommeln zu unterstützen.

Blog'n'Roll - Genesis auf der Loreley 1976 (c) Thomas Lawall
Genesis präsentierten auf der Loreley eine bahnbrechende Bühnenshow. (c) Thomas Lawall

Du hast unzählige Bands auf Tour begleitet. Was waren deine persönlichen Highlights? Und welche legendäre Show hast du verpasst, bei der du gerne dabei gewesen wärst?

Ich bin mit Bands wie Tokyo und Thin Lizzy getourt. Auch bei Ted Nugent in 1976 stand ich schon am Mischpult. Das war der Wahnsinn. Dort waren 36 gekoppelte AC 30 auf der Bühne aufgebaut. Die waren sinnigerweise mit einer Plexiglas-Wand abgeschirmt, sodass die anderen Musiker nicht direkt von der Bühne geblasen wurden. Ich bediente auf diesem Konzert in Rottweil auf einem alten Bauernacker, bei der ca. 30- 40.000 Leute dabei waren, eine 2×40 KW Anlage. Die kam kaum gegen die Gitarrenverstärker an. Sehr gerne dabei gewesen wäre ich in Woodstock. Oder in Altamount, wo beim sensationellen Konzert der Rolling Stones auf furchtbare Weise ein schwarzer Besucher zu Tode gekommen ist. Die Story mit den Hells Angels ist legendär, und extrem tragisch.

Jam Schwätzen bedankt sich ganz herzlich bei Thomas Lawall für die Nutzungserlaubnis der Konzertfotos.

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

5 Kommentare zu „Genesis 1976: Flammen auf der Loreley

  1. Dieses Konzert habe ich auch erlebt. Und hier zur Klarstellung:
    Es waren keine „Scherzkekse“, die Feuer legten sondern von der Polizei eingesperrte „Drogendealer“, die sich auf diese Art und Weise der späteren, tatsächlichen Festsetzung entziehen wollten. Ich habe gesehen, wie die Polizei (in Zivil) Leute aus dem Publikum dorthin abführten und verriegelte. Wir waren so bekifft, daß uns der scheinbare Ernst der Lage gar nicht richtig bewußt wurde – oder auch bedingt durch die gute Musik egal war.
    Es hätte schlimmer ausgehen können.
    Dieter Obrecht, London
    obrecht2@btinternet.com

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    1. Hi Dieter,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist ja spannend! Ich habe dazu nochmal meinen Kumpel Harald befragt. So, wie er es von Bekannten mitbekommen hat, haben wohl Konzertgäste in der Nähe der Hütte am Rande des Festivalgeländes ein Lagerfeuer gemacht, das außer Kontrolle geriet. Von Drogendealern hat er nichts gehört. Wahnsinn – ein Glück ist nichts Schlimmeres passiert!

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      1. Ich bleibe bei meinen Ausführungen, denn mit mir waren meine Freunde als Zeugen. Ich habe das Geschehene nicht von Bekannten erzählt bekommen, sondern es als Augenzeuge selbst miterlebt. Das Feuer diente zur „Befreiung“ der zuvor Inhaftierten. Ob von Innen heraus oder von Außen gestartet, das können wohl nur die damals Beteiligten erklären (Gott-sei-Dank!). Andere Zeugen, welche möglicherweise die Polizeiaktionen (verkleided mit Parka, langen Haaren, Vollbart) vorher nicht mitbekommen hatten, werden sterotyp auf „Grillen“ verweisen. Das war nicht so!
        Auf jeden Fall, als die Polizei die Türe öffnete, um die Leute nicht verbrennen zu lassen, rannten die „Insassen“ in alle möglichen Richtungen davon. Hierzu gab es Applaus von den in der Nähe Sitzenden, einschließlich von mir! Diese Begebenheit bei einem der unzähligen Konzerte, welche ich besucht habe, bleibt wie eingebrannt im Gedächtnis – gerade darum, weil das Geschehene so absolut außergewöhlich war.
        (habe gerade nochmal den bootleg von dem Konzert gehört …., ist lange her ….)

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