Top 500 Songs: Rockt das Rolling Stone Ranking?

Was sind die 500 größten Songs aller Zeiten? Seit 2004 hat die Bestenliste des Rolling Stone die prominenteste Antwort auf diese Frage gegeben. Nun verpasst das Musikmagazin seiner Rangliste ein Update. Trifft sie den Zeitgeist? Und den Geschmack eines Gitarristen?! Das große Review von Jam Schwätzen.

Die 500 größten Songs aus rund 70 Jahren zeitgenössischer Pop-Musik auszuwählen, ist eigentlich so ziemlich unmöglich. Wer entscheidet, welche Songs was taugen? Und wie wird entschieden, welcher Song mehr taugt als ein anderer? Es geht wie bei der kommerziellen Kunst allgemein um eine extrem komplexe Mischung aus Kreativität und Kalkül, Freiheit und der Erfüllung von Erwartungen. Und es geht vor allem um eines: Geschmack. Und der ist extrem individuell. Aber.

Wenn das Rolling Stone sich anschickt, die „500 Greatest Songs of all Time“ zu küren, dann will das schon was heißen. Immerhin gibt das legendäre Musikmagazin seit 1967 den Ton in der Pop-Musik an. 2004 erschien die erste Version seiner Bestenliste. Nachdem die nun doch etwas in die Jahre gekommen ist, hat die Redaktion nachjustiert. Entspricht die neue Auswahl der 500 größten Hits dem Musikgeschmack unserer Generation? Und, um es mit den Worten eines Gitarristen zu fragen: Rockt dieses Ranking!? Die kurze Antwort lautet: Jein. Die lange bietet euch dieser Beitrag.

Was euch in diesem Beitrag erwartet

In den folgenden Abschnitten findet ihr sowohl die Highlights der neuen Song-Hitliste des Rolling Stone als auch meine Einschätzungen und Meinungen dazu. Alle Platzierungen habe ich für euch in einem pdf-Dokument aufbereitet (siehe Link am Ende des Beitrags). Viel Spaß beim Lesen!

Dieser Beitrag in der Übersicht
  • Top 10: Die Sieger des Rolling Stone Rankings
  • Hip Hop: Auf dem Siegertreppchen angekommen
  • Der heimliche Gewinner: Die 60er und 70er
  • Bekommt das Rolling Stone Ranking das Gitarristen-Siegel?
  • Mein größter Kopfschüttel-Moment: Madonna
  • Mein größter Kopfnick-Moment: Prince
  • Fazit: Warum das Rolling Stone Ranking so in Ordnung geht
  • Nachtrag zur Methodik: Ranking 2021 vs. 2004
  • Downloads und Links

Top 10: Die Sieger des Rolling Stone Rankings

Auf den allerersten Blick fällt auf – in der Auswahl der besten 500 Songs aller Zeiten des Rolling Stone hat sich einiges getan. Mit Public Enemy („Fight the Power“ Platz 2), Missy Elliot („Get Ur Freak On“ Platz 8) und Outkast („Hey ya“ Platz 10) stehen drei Künstler bzw. Formationen an der Spitze, die gänzlich neu dazugekommen (Missy Elliott) und im 2004er Ranking wesentlich schlechter platziert waren (Public Enemy Platz 322, Outkast Platz 180). Neben diesen „Newcomern“ dominieren nach wie vor die „Platzhirsche“, die auch schon im 2004er-Ranking den Ton angegeben haben. Alles in allem entsteht so ein spannender Querschnitt durch das musikalische Profil unserer Zeit. Aber verschafft euch erstmal selbst einen Überblick.

1. Aretha Franklin – „Respect“

2. Public Enemy – „Fight the Power“

3. Sam Cooke – „A Change is gonna come“

4. Bob Dylan – „Like a Rolling Stone“

5. Nirvana – „Smells like Teen Spirit“

6. Marvin Gaye – „What’s Goin‘ On“

7. The Beatles – „Strawberry Fields Forever“

8. Missy Elliott – „Get Ur Freak On“

9. Fleetwood Mac – „Dreams“

10. Outkast – „Hey Ya!“

Hip Hop: Auf dem Siegertreppchen angekommen

Diese – sagen wir – durchaus heterogene Konstellation von Soul, Hip-Hop, R&B, Pop und Rock Songs in den ersten 10 Platzierungen spricht für das gesamte Ranking. Hier zeigt sich nicht nur der Trend hin zu deutlich aktuelleren Hits. Hip Hop, das Kult-Genre der zeitgenössischen Musik, ist auch im Rolling Stone Ranking endlich auf dem Treppchen angekommen. Taugen Public Enemy als Speerspitzen dieses Trends? Find schon. Ob es unbedingt ihr Song „Fight the Power“ sein sollte, darüber lässt sich eher streiten. Mit vor allem auch jüngeren Künstlern wie Kanye West (ft. Pusha T „Runaway“ Platz 25), Kendrick Lamar („Alright“ Platz 45!) und Drake (ft. Majid Jordan „Hold on, We’re Going Home“ Platz 129) räumt das Rolling Stone Magazin dem wohl einflussreichsten Genre unserer Zeit seinen verdienten Platz im Pop-Olymp ein.

Der heimliche Gewinner: Die 60er und 70er

Hip Hop hat die heutige Musikwelt ziemlich fest im Griff und drückt auch dem Ranking des Rolling Stone deutlich seinen Stempel auf. Das sind keine überraschenden Neuigkeiten. Was ich ungleich spannender finde, ist die Gewichtung der Musikjahrzehnte. Nach der Auszählung der jeweiligen Veröffentlichungsjahre zeigt sich, dass die 1970er mit klarem Abstand vorne liegen. Gefolgt von den 1960ern und 1980ern auf Platz 2 und 3.

Top 5: Die Rangliste der Musikepochen

  1. 1970er – 144 Songs
  2. 1960er – 108 Songs
  3. 1980er – 80 Songs
  4. 1990er – 70 Songs
  5. 2000er – 36 Songs

Der heimliche Gewinner des Rankings ist in meinen Ohren nicht ein Künstler oder Genre, sondern die musikalische Vielfalt, für die die 70er und 60er heute so prominent stehen. Ob in den Vintage-Klängen von Bands wie Greta van Fleet oder in den Samples von etlichen Hip Hop Artists, die Ära des Soul, R&B und Classic Rock prägt die moderne Musik ungemein. Wenn man es auf die harten Zahlen runterbricht, stellen diese beiden Jahrzehnte zusammen mehr als die Hälfte der Songs der Bestenliste. Ganz zu schweigen von den vielen Songs, in denen der kreative Output dieser Dekaden gecovert, gesampelt oder adaptiert wird.

Bekommt das Rolling Stone Ranking das Gitarristen-Siegel?

Grundsätzlich muss man ganz klar sagen: Auch die neue Version des Rolling Stone Ranking bleibt dem musikalischen Fokus des Magazins treu. Hip-Hop-Update hin oder her. Von Prince bis hin zu den Sex Pistols, die Gitarre bleibt das tonangebende Instrumente in der Rangliste. Trotzdem stellt sich für den ein oder anderen Fan bzw. Vertreter der Gitarrenzunft die Frage: Warum schneiden hier Songs, die sich durch ihre einzigartigen Gitarrensolos auszeichnen, eigentlich so schlecht ab? Wieso steht da beispielsweise auf Platz 8 Missy Elliott und nicht etwa Led Zeppelin mit ihrem Hit „Stairway to Heaven“ (Platz 61)? Wer die Mutter aller Gitarrensolos – „Free Bird“ auf Platz 407 in der Kategorie „unter ferner liefen“ findet und die Fassung verliert, dem kann man das nicht wirklich verdenken. Oder?

Die Message an Solo-Gitarristen scheint damit klar: Ihr nervt. Auch wenn man diese punktuellen Ungleichgewichte nicht gleich persönlich nimmt, fallen sie bei längerer Betrachtung ziemlich stark ins Gewicht. Gerät dadurch das gesamte Ranking ins Wanken? Ja und nein. Ja, weil einige Künstler bzw. Songs wirklich zu Unrecht ins Hintertreffen geraten. Nein, weil das in der Natur eines Rankings liegt. Je deutlicher einige Lieder als Sieger der Wahl hervorgehen, desto größer wird der Abstand zu Songs, die weniger beliebt sind. Im Folgenden möchte ich kurz auf einen Problempunkt eingehen, der aus meiner ganz persönlichen Sicht so auf gar keinen Fall geht.

Mein größter Kopfschüttel-Moment: Madonna

Und zwar beschwere ich mich ausdrücklich darüber, dass eine ganz gewisse weibliche Ikone der Pop-Musik extrem – EXTREM – zu kurz kommt: Madonna. Drei Songs – auf den Plätzen 55, 139 und 161 („Like a Prayer“, „Vogue“, „Into the Groove“)?! Die Frau hat die Pop-Musik, wie wir sie heute kennen, mitgeprägt, wenn nicht sogar so erfunden, und steigt noch nicht mal in den Top 50 ein? Dafür steht Lorde auf 30 („Royals“)? Nicht, dass das nicht ein toller Song ist, von einer extrem talentierten Künstlerin. Besonders bitter stößt einem das vor allem auf, wenn man an den kommerziellen Kern des Rankings denkt. Aber mehr dazu im Fazit.

Mein größter Kopfnick-Moment: Prince

Dafür räumt ein musikalisches Ausnahmetalent völlig zurecht ab: Prince. Insgesamt 6-Mal im Ranking vertreten, liegt „The Artist formerly known as Prince“ insgesamt auf Rang 5 der Künstler mit den meisten Platzierungen (hinter David Bowie, The Rolling Stones und Bob Dylan mit 7 und The Beatles mit 12). Als Sänger, Multi-Instrumentalist, Produzent und vor allem begnadeter Solo-Gitarrist verkörpert Prince genau die musikalische Mischung und kreative Exzellenz, die das Rolling Stone Ranking dem Ideal nach abbildet. Zufall oder Schicksalsfügung? Egal. An diesem Resultat der Songauswahl kann es aus Sicht eines Musikers und Musikfans nichts zu beanstanden geben. Two thumbs up!

Fazit: Warum das Rolling Stone Ranking so in Ordnung geht

Was (mir) eher zu Bedenken gibt, ist der kommerzielle Hintergrund dieses Rankings. Ein durchaus kniffliger Punkt: Die Frage danach, wem bzw. welchem Geschmack die Rolling Stone Redakteure mit dieser Liste entsprechen möchten. Schließlich ist die Bestenliste eines der großen Flaggschiffe des Mediums, wenn es um die Reichweite geht, die es ihm beschert. Biedert sich das Rolling Stone mit seiner Auswahl vor allem einer jungen Leserschaft an?

Das könnte man meinen, wenn man sich das dazugehörige Visual des Beitrags genauer ansieht. Billie Eilish, die zugegebenermaßen musikalisch so dermaßen innovatives Zeug abliefert, dass sie zurecht als die Künstlerin des Moments gefeiert wird, ist darin prominent im Vordergrund zu sehen. Dafür ist das Ausnahmenachwuchstalent aber im Ranking nicht in den oberen Rängen vertreten („Bad Guy“ Platz 178). Wie passt das zusammen?

Ebenfalls ein bisschen gewollt aber auch irgendwie sympathisch wirkt die politische Message, die sich vor allem aus den Erstplatzierten herauslesen lässt. Aretha Franklin’s zeitloser Claim „Respect“ und Public Enemy’s Protesthymne „Fight the Power“ können im Kontext aktueller gesellschaftlicher Diskussionen gar nicht anders gedeutet werden als ein „Statement“ gegen Intoleranz und Autokratie. Leider muss man sich auch dabei die Frage stellen, inwiefern diese Geste nicht nur der Legitimation des Rankings bei jüngeren Zielgruppen dient sondern als authentisches Abbild unseres kulturellen Moments – mit anderen Worten: des Zeitgeists – verstanden werden kann. Insgeheim würde ich mir persönlich Letzteres wünschen. Genau das ist generell so ein Ding. Wo hört die Befragung auf und wo fängt die (Aus-) Wertung durch die Redaktion an. Offen gestanden: Ich war zu geizig, das Rolling Stone Jahresabo abzuschließen und mich tiefer in die methodischen Hintergründe des Rankings einzulesen. Deswegen muss es bei (m) einem Unentschieden bleiben.

Für mich persönlich geht die neue Rangliste des Rolling Stone in dieser Konstellation dennoch klar. Warum? Erstens man muss der Idee und Umsetzung einer solchen Bestenliste einfach Respekt zollen. Und zweitens: Wenn überhaupt irgendwer so ein Prestigeprojekt halbwegs glaubhaft wuppen kann, dann das Rolling Stone. Drittens: Prince. Achso, und Viertens und Fünftens: Nirvana mit „Smells like Teen Spirit“ auf Platz 5 und The Rolling Stones mit „Gimme Shelter“ auf Platz 13. Zwei zeitlose Klassiker, die in jedes Ranking der 500 größten Songs aller Zeiten gehören. Ihr seht: Damit haben sie mich gekriegt. Sue me.

Aber genau das ist ja der Punkt. Rankings haben vor allem einen Zweck: Eine Reaktion zu erzeugen. Deswegen geht es bei solchen Bestenlisten weniger um die Songs, die drin sind, sondern vielmehr um die, die es nicht reingeschafft haben. Deswegen erzeugt die Rangliste des Rolling Stone auch eine solch große Aufmerksamkeit: Weil man es ihm insgeheim doch irgendwie abkaufen möchte, dass es tatsächlich schaffen könnte, diese unlösbare Aufgabe zu lösen: Die 500 Lieblingssongs von 8 Mrd. Menschen.

Nachtrag zur Methodik: Ranking 2021 vs. 2004

Die neue Bestenliste lässt sich leider nicht unmittelbar mit ihrer Vorgängerin von 2004 vergleichen lässt. Schließlich sind laut Rolling Stone im neuen Ranking rund die Hälfte der Songs (254) ganz neu hinzugekommen. Dies hat damit zu tun, dass die 250 Befragten ihre ganz individuellen Top 50 wählen konnten. Von den insgesamt 4.000 eingereichten Songs wurden die 500 Lieder mit den meisten Votes zusammengetragen.

Da es sich um eine Auswahl der bekanntesten oder besser gesagt weit verbreitetsten Lieder der Pop-Musik handelt, die im Kontext des englisch-sprachigen Musikmarktes entstanden ist, fallen nicht nur viele (nicht-amerikanische oder – britische) Künstler bzw. Bands „hinten runter“. Auch Genres wie Metal oder Salsa sind nicht oder nicht wirklich prominent vertreten.

Für alle Interessierte habe ich die Ergebnisse des Rankings in einem pdf-Dokument zusammengefasst. Ihr findet die Datei unter diesem Link zum Download:

Das gesamte Ranking findet ihr auf rollingstone.de.

Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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