Limp Bizkit: „Nu Metal ist uncool“

Das neue Limp Bizkit Album "Still Sucks" - Sound Couch Musikblog

Mit ihrem sechsten Studioalbum „Still Sucks“ parodieren sich Limp Bizkit mal wieder selbst. Ist das Crossover aus Rap und Metal längst „Out of Style“? Ich habe genauer hingehört und 3 Gründe gefunden, warum die Band, ihr Sound und das Genre heute noch ernsthaft was zu bieten haben.

Limp Bizkit machen immer noch genau ihr Ding, ohne Kompromisse und Umwege. „Out of Style“, der Opener ihres neuen Albums „Still Sucks“, kommt direkt zum Punkt. Nach einem ironisch-pathetischen Sinnspruch von Frontman Fred Durst steigt Gitarrist Wes Borland mit einer Instant-Legende von einem Riff ein. Der Rest ist Oldschool Nu Metal, wie er im Buche steht. Mir als ehemaligem Fan und Gitarren-Nerd stellt sich die Frage: Kann man das eigentlich nicht mögen? Der Rest der Welt denkt sich wohl eher genau das, was ihm Limp Bizkit mit ihrem Albumtitel plakativ unterstellen: Limp Bizkit „Still Sucks“.

Crossover Ikonen feiern sich selbst als Nu Metal Dinosaurier

Wahrscheinlich denken sich viele vor allem jüngere Musikhörer eher: „Limp Bizkit? Nie gehört.“ Wenn die Band aus Jacksonville, Florida, wirklich immer noch „sche*ße“ ist, wie sie es selbst so „in your face“ betonen, dann seit einer ziemlich langen Zeit. Schließlich liegen die kommerziellen Mega-Erfolge der Crossover-Ikonen bereits mehr als 20 Jahre zurück. Damals haben sie es genau mit dieser wilden Mischung aus Rap und Metal, Provokation und Ironie an die Spitze der Charts geschafft.

Doch seit 2000 hat sich viel getan in der Musikbranche. „It’s still the same game, just a bunch of bullshit“ meint Fred Durst im 4. Track „Turn It Up, Bitch“ dazu. Stimmt das? Hauptsache Anecken? Die Agenda der Band wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen. Die ironische Intensität ist einfach zu heavy. In einer Welt, in der alles zig-fach gesagt und getan, adaptiert und parodiert wurde, wirkt das wenig innovativ.

Das Potenzial des Power-Polarisierens scheint ausgeschöpft

Heutzutage dominieren ganz andere Künstlerprofile den Markt. Stars wie Justin Bieber berühren ihre Hörer mit furchtbar kitschigen Themen, Songs und Videos. Die Avantgarde unserer Zeit, Billie Eilish, kann man mit ihrer ironisch inszenierten Zerbrechlichkeit zur Not auch noch süß finden.

Sowohl die schillernde Überinszenierung als auch das dosierte Unterwandern des Bekannten passt irgendwie besser zu der Art und Weise, wie wir uns als kommerziell extrem überreizte und über-reflektierte Individuen mit dem soziokulturellen Status arrangiert haben. Das Power-Polarisieren von Limp Bizkit wirkt da wie die Antwort auf eine Frage, die kaum jemand noch (so plakativ) stellt: „Was ist das Problem?“

3 Gründe: Warum Limp Bizkits Album „Still Sucks“ seinem Titel nicht gerecht wird

Trotzdem lohnt es sich, in Limp Bizkits neueste Produktion reinzuhören. Nicht nur Fans von verzerrter Gitarrenmusik finden hier 12 groovige Tracks, die zum „Bangen“ animieren. Drei Dinge sprechen aus meiner Sicht für die Band, den Sound und das Genre Nu Metal, für das Limp Bizkit mit diesem Album ein neues (Anti-) Zeichen setzt.

3. Limp Bizkit bringen endlich überhaupt mal wieder ein Album raus

10 Jahre haben Fans auf ein neues Album nach „Gold Cobra“ warten müssen (2011). Denn eigentlich fieberten (wir) alle vor allem ewig angekündigten und bisher immer noch nicht veröffentlichten „Stampede of the Disco Elephants“ entgegen. Ob „Still Sucks“ dem Hype gerecht wird, den dieses Kult-Projekt in der Fangemeinde ausgelöst hat – I don’t know. Aber man freut sich einfach, dass es in der Diskografie der Band ein Update gibt.

Natürlich lebt das Ganze auch vom Faktor Nostalgie. Denn ein bisschen cool ist das schon, seine ehemalige Lieblingsband und ihre ganz eigene Handschrift in dieser Produktion wiederzuerkennen. Da sind die ironisch-pathetischen Lyrics von Aggressions-Animateur Fred Durst, Wes Borlands unheimlich gewaltigen Thrash-Riffs, Sam Rivers und John Ottos pumpende Beats und DJ Lethals meisterhafte Arbeit an den Turntables und Samples. Da sind außerdem die musikalischen Anleihen an Cypress Hill („Turn It Up, Bitch“), Kurt Cobain („Barnacle“). Für mich ist dieser Signature Sound nach wie vor ein Patentrezept: Ein musikgewordener Schauer-Comic, der genauso ulkig wie unheimlich klingt.

Passend dazu das ulkig groteske Artwork vom Art Director der Band Wes Borland. Fun fact: Hinter dem Fernseher an der Wand lugen, wie mir scheint, die alien-esquen Männchen hervor, die das Cover des Multi-Platin-Albums „Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavored Water“ zieren. Die Band wird von ihrer eigenen kommerziellen Vergangenheit heimgesucht? Könnte man meinen. Wenn das denn eine amerikanische Hausfrau sein soll, die die 5 jungenhaften Nu-Metal-Größen beim Hausputz auskehrt und dabei besagte Mannequins aus dem Bildschirm glotzen. Ein Fall für Freud?

Der Sound von „Still Sucks“ erinnert eher an „Gold Cobra“ (2011). Die Songs, Arrangements und Harmonik lehnen sich in meinen Ohren sogar an „Results May Vary“ (2003) an, das erste und einzige Album ohne Gitarrist Wes Borland. Ich finde selbst den musikalischen Ausreißer „Goodbye“ irgendwie überzeugend. Das ironische I-Tüpfelchen auf der Anti-Torte, weil musikalisch am nächsten dran am zeitgenössischen Mainstream? Why not.

2. Bring that Beat back: Limp Bizkit wieder in Original-Besetzung

Die Energie ist wieder da und auf dem Album deutlich zu hören. Das kann man nicht von jeder Band behaupten, die seit fast 30 Jahren aktiv ist. Erst recht nicht von einer Formation, die diverse Umbesetzungen hinter sich hat. Schön, dass DJ Lethal wieder am Start ist und die Originalbesetzung komplettiert. Auch als Nicht-Fan muss man einfach anerkennen, dass die 5 Bizkits der ersten Stunde gemeinsam immer noch überzeugen. Uninspiriert klingt jedenfalls anders!

1. Dem Mainstream würde mehr Crossover gut tun

Achtung, jetzt wird es historisch: Wir schreiben das Jahr 1997. Limp Bizkits erste Single „Counterfeit“ kommt raus. Diese abgefahrene Mischung aus Rap und Thrash-Metal sollten Limp Bizkit nur wenige Jahre später zu einem der kommerziell erfolgreichsten Vertreter des Crossover-Genres machen. Mal ganz ehrlich: Wo in der Pop-Musik geht denn heute noch so viel Innovation? Das kann oder muss man auch als Millennial anerkennen, der oder die Deutschrap – amerikanischen Hip-Hop-Aufguss hört.

Man muss die kreative Initialenergie einfach anerkennen, die ein solch mutiges musikalisches Projekt antreibt. Schließlich ist es der Versuch, die Regeln zu brechen und Dinge zusammenzuführen, die vermeintlich nicht zusammengehören, die echte künstlerische Innovation kennzeichnen. Im saturierten Musikmarkt der 2020er wünscht man sich solche Experimente häufiger. Sie täten dem Mainstream hier und da extrem gut.

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Veröffentlicht von Johannes Kohrs

Gitarrist, Moderator und Herausgeber von Jam Schwätzen.

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